Startseite » Deutscher Ärztetag zerpflückt ePA-Start: Weshalb die Digitalisierung sozialisiert werden muss

Deutscher Ärztetag zerpflückt ePA-Start: Weshalb die Digitalisierung sozialisiert werden muss

Für den scheidenden Gesundheitsminister brechen unruhige letzte Amtstage an, wenn dieser sein digitales Erbe verteidigt sehen möchte. Ob Jens Spahns Fernbleiben vom diesjährigen Deutschen Ärztetag symbolischer Natur war, ist zwar nicht bekannt – wundern würde man sich darüber jedoch kaum: „Dilettantisch“, „unausgereift“, „gefährlich“ – die verwendeten Adjektive der Bundesärztekammer zur Beschreibung des aktuellen digitalen Ist-Zustandes fallen heftig aus.
Auf der anderen Seite steht der Gesundheitsminister: „Entscheidend ist doch, dass es vorangeht. […] Statt sich über diesen Fortschritt zu freuen und ihn in den Jahren weiter zu verbessern, wird lieber versucht, jeden kleinen Schritt nach vorne zu verhindern“. In diesem Zusammenhang geht er explizit auch auf die Positionierung Deutschlands auf den hinteren Rängen der EU-weiten Digitalisierung ein: „Alle europäischen Kolleginnen und Kollegen, die in ihren Ländern oft weiter sind, schütteln über diese deutsche Denkweise nur noch den Kopf.“

Digitalisierung „von oben“: Der fehlende Masterplan rächt sich

Doch nochmal von vorne: Was geschieht hier gerade tatsächlich und wie konnte es zu so verhärteten Lagern überhaupt kommen? Die Antwort fällt nicht ganz leicht, hat jedoch eindeutig mit einem Mangel an Kooperation, flächendeckender Modernisierung sowie Personalschulung zu tun. Ira Zahorsky spricht in ihrem Artikel über die Pain Points der Verwaltungs-Digitalisierung im Grunde schon all dies an: Digitalisierung müsse politische „Chefsache“ werden, es müsse eine Art „Masterplan“ erstellt werden, der tatsächlich alle Betroffenen an einen Tisch zusammenbringe und es müsse ohne klammen Blick auf Budgets modernisiert und geschult werden, was das Zeug hält.
Ähnlich sieht es auch Spahn, wenn er fordert: „Wir brauchen einen Digitalpakt für Ärzte. Das ist Aufgabe der nächsten Regierung. Für Investitionen, Schulungen, die Neuorganisation der Praxisalltags sowie IT-Sicherheit in den Praxen muss sie Geld in die Hand nehmen.“

Unter diesem Blickwinkel wirkt die Kluft zwischen Spahn und der Bundesärztekammer eigentlich gar nicht mehr so groß, wie sie zunächst erschien. Vereinfacht könnte man sagen: Spahn wollte das Richtige tun, bekam dafür aber keine ausreichende Unterstützung sowie Rückendeckung – am Ende preschte er vor und veranlasste auf eigene Faust einen verfrühten TI-Release (elektronische AU, E-Rezept, ePA). An der richtigen Intention ändert das selbstredend nichts. Es zeigt jedoch auf, dass die Pain Points innerhalb der Verwaltung fast 1:1 auch im Bereich des Gesundheitswesens Anwendung finden.
Auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) kommentierte das aktuelle Geschehen rund um die Einführung der Telematikinfrastruktur (TI) im Gesundheitssystem – und spielte dabei den altbewährten deutschen Trumpf aus, wenn es um Kritik an digitalen Neuerungen geht: „Hacking, Erpressung und Datenmissbrauch“ würde durch die neu geschaffenen Schnittstellen Tür und Tor geöffnet.

Anwenderfortbildungen und Modernisierung anstatt Buzzwords und Panikmache

Auch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) kommentierte das aktuelle Geschehen rund um die Einführung der Telematikinfrastruktur (TI) im Gesundheitssystem – und spielte dabei den altbewährten deutschen Trumpf aus, wenn es um Kritik an digitalen Neuerungen geht: „Hacking, Erpressung und Datenmissbrauch“ würde durch die neu geschaffenen Schnittstellen Tür und Tor geöffnet.
Natürlich ist es richtig und wichtig, dafür zu sorgen, dass alle eingesetzten Systeme mitsamt ihrer Schnittstellen datenschutzkonform (inter)agieren. Jedoch kann man als Brancheninsider auch leicht Spahn verstehen, wenn er den deutschen Ärzten nun vorwirft, sich sowieso nicht wirklich mit der Digitalisierung beschäftigen zu wollen, sodass eine neuerliche Digitalisierungsbremse denn eher als Alibi und nicht als Übergangsphase genutzt würde: „So ein Stopp würde ja auch nichts bewirken. Das Jahr Pause würde doch kaum ein Arzt nutzen, um sich an die Digitalisierung zu gewöhnen. Viele würden vielmehr sagen: Kommt noch nicht, muss ich mich erst später drum kümmern.“

Die Wahrheit liegt letztlich wohl wieder einmal in der Mitte – und eigentlich geht es uns ja auch gar nicht darum, Schuldige auszumachen und Argumentationen gegeneinander auszuspielen. Vielmehr muss endlich am richtigen Hebel angesetzt werden, um eine nachhaltige Digitalisierung der Verwaltungen und des Gesundheitswesens in Deutschland zu ermöglichen – und die Beschriftung unterhalb dieses Hebels dürfte sich höchstwahrscheinlich „Anwenderfortbildung“ oder auch „Modernisierung“ lesen. Denn wenn wir das deutsche Praxispersonal nicht flächendeckend schulen und damit auf einen aktuellen und landesweit einheitlichen Stand bringen, lassen wir die digitalen Maßnahmen ins Leere laufen.
Wem nützt die TI, wenn niemand da ist, der sie effizient bedienen kann? Natürlich versteht man in dieser Hinsicht dann auch die Ärzte, die sich und ihren Mitarbeitern die digitale Zusatzlast ersparen möchten, doch ist diese Problematik eben in fast allen deutschen Branchen anzutreffen: Die Bäckerei-Fachkraft wird nebst der Erledigung ihrer alltäglichen Aufgaben mit der geupdateten Kasse und dem neuen Kassenbon-System allein gelassen, während das Fachpersonal in der Lohnbuchhaltung staatliche Corona-Hilfen selbstständig (und natürlich fristgerecht) verbuchen können muss, ohne hierzu geschult oder auch nur mit Fachlektüre ausgestattet worden zu sein.

Die Effekte der Digitalisierung verpuffen deshalb so häufig, da sie von oben in Branchen und Sektoren „hineinimplementiert“ wird, ohne dass Zeit, Geld und Wille für die Schulung der tatsächlichen Anwender vorhanden ist und/oder die bestehenden Systeme schlicht mit diesen Neuerungen überfordert sind. Oder um mit Ira Zahorsky zu schließen: „Ein schlechter Prozess wird durch Digitalisierung nicht automatisch besser“ und „Die Digitalisierung […] ist kein Selbstzweck, sondern sollte Bürgern und Mitarbeitern gleichermaßen dienen. […] Dazu müssen die Bürger und Mitarbeiter in die Konzipierung und Entwicklung digitaler Lösungen einbezogen werden.“

Quellen:

www.heise.de/news/E-Rezept-Co-Aerzte-fordern-Digitalisierungspause-im-Gesundheitswesen.html

www.handelsblatt.com/interview-gesundheitsminister-manchen-aerzten-ist-die-digitalisierung-einfach-zu-anstrengend-jens-spahn-zieht-bilanz.org

www.egovernment-computing.de/digitalisierung-staerkt-die-handlungsfaehigkeit/