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Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung: Lichtjahre hinter Privatwirtschaft zurück

Bekanntermaßen gibt es heute ja für alles eine App: Ganz gleich, ob ich beim Einkauf das Brot vergessen habe, einen Zahnarzttermin vereinbaren oder über einen privaten Anbieter meine Steuererklärung einreichen möchte – ein paar Klicks (zugegebenermaßen im Falle der Steuererklärung ein paar mehr…) genügen, um online Abhilfe zu schaffen.
Doch in der Welt der deutschen Behörden und Verwaltungen endet das digitale Angebot meist ziemlich abrupt: Noch immer erstrecken sich hier die Angebote größtenteils auf das digitale Terminmanagement. Die Stadt Köln weist noch immer pedantisch darauf hin, dass Personalausweise bitteschön persönlich dort abgeholt werden müssen, wo sie zuvor auch beantragt wurden – ein digitales Beantragungsformular oder auch nur die Möglichkeit des postalischen Versands findet hier keinerlei Erwähnung.

Verwaltungsdigitalisierung: Die Skepsis bei den Bürgern wächst

Die Zeit der Ausreden ist lange vorbei: Längst fordern eindeutige 86% der Deutschen mehr Nachdruck bei der Digitalisierung ihrer jeweiligen Bürgerämter. 77% wünschen sich mehr digitale Angebote in ihrer Gemeinde und empfinden ihr Vorhandensein als wichtigen Faktor. Diese Zahlen, die unlängst in einer Umfrage des Digitalverbands Bitkom ermittelt wurden, machen klar, dass wir uns als Gesellschaft längst an die digitalen Angebote der Privatwirtschaft gewöhnt haben – und diese nun im Verwaltungssektor nicht mehr missen möchten.

„Warum muss man in Deutschland die Ausstellung einer Geburtsurkunde beantragen?“, fragt dementsprechend Bernhard Rohleder, Hauptgeschäftsführer von Bitkom, in einem Artikel des Redaktionsnetzwerk Deutschland: „Das Amt weiß, dass ein junger Mensch geboren ist und kennt auch die Zustelladresse der Eltern.“
In Dänemark ist dieses Vorgehen längst Standard geworden, wobei dort selbst eine digitale Vorab-Übermittlung des Dokuments umgesetzt wird – während sich in Deutschland weiterhin rund 55 % der digitalen Behördenprogramme nicht einmal skalieren lassen.

Digitalisierung als „Chefsache“: Mehr Infrastruktur – moderne Prozesse – Teamwork

Sucht man nach der Wurzel des deutschen Digitalisierungs-Übels, stößt man auf veraltete Arbeitsprozesse, eine mangelhafte IT-Infrastruktur (Stichwort: Behördenanbindung) und eine konfus anmutende, weil nicht klar hierarchisch gegliederte Herangehensweise. Die Forderungen nach einem „Masterplan“ sind klar vernehmbar: Die Entwicklung und Umsetzung einer Digitalisierungsstrategie solle endlich „Chefsache“ werden und damit politisch von ganz oben angegangen werden. Einzelne Landkreise und überdurchschnittlich engagierte Bürgermeister alleine können kaum etwas ausrichten, da ein gelungenes IT-Netzwerk ohne bundesweite Vernetzung stets ein Paradoxon bleiben muss.
„In Unternehmen tragen […] die Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzenden die Verantwortung für digitale Themen. Dieses Verständnis braucht es auch in Politik und Verwaltung.“, fordert in diesem Kontext auch die IT-Expertin Ira Zahorsky.

Zu guter Letzt steht und fällt auch die Digitalisierung der deutschen Verwaltungen mit dem Faktor Teamwork. Selbst wenn sich hohe politische Akteure verstärkt dafür einsetzten, so ist doch die großflächige Einbindung von Bevölkerung und Wirtschaft für ein langfristiges Gelingen unabdingbar: Bürger und Mitarbeiter sollten gleichermaßen von ihr profitieren, während Privatunternehmer ihre bereits gesammelten Erfahrungen im Bereich digitaler Transformationsprozesse einbringen können sollten.
36% der Bundesbürger bewerten den Digitalisierungsgrad ihrer Gemeinde derzeit als „fortschrittlich“ – es wird Zeit, die Ärmel hochzukrempeln.

Quellen:
www.rnd.de/politik/umfrage-drei-viertel-der-deutschen-wuenschen-sich-mehr-digitale-angebote-bei-behoerden.html
www.it-daily.net/shortnews/31081-digital-programme-von-behoerden-lassen-sich-nicht-skalieren
www.egovernment-computing.de/digitalisierung-staerkt-die-handlungsfaehigkeit/